Mindestens 60 Todesurteile: Ein dunkles Kapitel Schmidtheimer Geschichte wurde aufgearbeitet

Eine der schlimmsten Hexenjagden in Europa

VON STEFAN LIESER • KÖLNER STADTANZEIGER • 30. MÄRZ 2019

Dahlem-Schmidtheim. Schon lange ist Schmidtheim als Ort von Hexenverfolgungen bekannt. Wie viele Prozesse und Hinrichtungen es tatsächlich gegeben hat, war aber unklar. Jetzt schafft eine neue wissenschaftliche Veröffentlichung mehr Sicherheit: Gegen mindestens 60 Männer und Frauen wurden zwischen 1597 und 1635 die Todesurteile verhängt. Schmidtheim war kein Einzelfall, aber doch ein Ort mit einer herausragend heftigen Hexenjagd.


 
Die Hexenverfolgung erforscht Dr. Rita Voltmer.


130 Zuhörer lauschten im Sitzungssaal des Rathauses gebannt dem Vortrag einer anerkannten Spezialistin. Dr. Rita Voltmer, Historikerin an der Universität Trier, ist Expertin für die Zeit der Hexenverfolgungen und Hexenprozesse im Raum zwischen Maas und Rhein von Mitte des 15. bis Mitte des 17. Jahrhunderts. Warum sie nach Schmidtheim kam? Hier war eines der Zentren eines regelrechten „Hexenkriegs“ unter den Herren Reinhard dem Jüngeren von Beissel-Gymnich und seinem Sohn Bertram.

Die Tatsache ist nicht neu, doch erst durch die originalen Prozessakten im Schloss Frens, dem einstigen neuen Sitz des Herrenhauses, das heute in Besitz von Baron Gisbert von Abercron ist, konnten die Hintergründe dieser Hexenjagd, an der sich auch Mitglieder der kleinen Dorfgemeinschaft beteiligten, ab 2004 erforscht werden. Eine 560-seitige Studie liegt nun vor. „Sie bietet eine Mikrosicht in die Binnenlage eines Dorfes im Hexenkrieg“, so Rita Voltmer.

Finanziert wurde das Werk vom Geschichtsverein des Kreises Euskirchen, dem Landschaftsverband Rheinland und der Universität Trier. „Herren und Hexen in der Nordeifel“ behandelt die Hexenverfolgungen in der gesamten Eifel-Region. Ein Schwerpunkt zwischen 1597 und 1635 lag in Schmidtheim. 13 Prozessakten wurden Wort für Wort aufgrund der Originalunterlagen editiert und verständlich kommentiert. Eine davon beschreibt das Verfahren gegen den einstigen Dorfpfarrer Laurenz Kirsbach, der 1630 als „Hexenmeister“ verurteilt wurde und zu Tode kam.

„Es ist ein Glücksfall, dass die Schmidtheimer Prozessunterlagen fast vollständig erhalten sind“, sagt Bodo Bölkow, Mitglied im Dahlemer Arbeitskreis für Kultur und Geschichte. Bölkow steht an der rund 400 Jahre alten Gerichtslinde, unter der einst das Schöffengericht tagte. Bölkow empfiehlt eine Zeitreise: „Der Ort hatte damals um die 250 Einwohner einschließlich Kinder und Jugendlichen. Es war ein Dorf mit dem Schloss auf dem Hügel, einer kleinen Siedlung bis etwa zur heutigen Lindenstraße und mehreren Mühlen, eine am Ortsausgang Richtung Milzenhäuschen.“ Die räumliche Distanz zwischen den Herren im Schloss und ihren Untertanen war denkbar gering.

Warum wurden ausgerechnet in diesem Miniterritorium, eingezwängt zwischen der mächtigeren Grafschaft Manderscheid-Blankenheim, der Herrschaft Kronenburg und der auf der Wildenburg, mindestens 60 Frauen und Männer erst verhört, dann stranguliert und verbrannt?

Historikerin Rita Voltmer hat festgestellt, dass Schmidtheims Hexenverfolgungen hervorragend dokumentiert sind – andernorts sind sie das nicht unbedingt. Man kann so beispielhaft nachvollziehen, warum es auch in der Eifel zum „Hexenkrieg“ kam. Es bedeutet nicht, dass sich die Verfolgungen in Schmidtheim von denen in anderen Orten unterschieden.

Dabei wird klar: Zwar wollte die katholische Kirche den so genannten Aberglauben und die sich ausbreitende Reformation bekämpfen. In Trier hatte Weihbischof Peter Binsfeld 1589 sein „Hexentraktat“ veröffentlicht. Aber es waren weltliche Hochgerichte wie das in der Herrschaft Schmidtheim, es waren Juristen wie Johannes Möden, der von Münstereifel und Blankenheim zur Hexenjagd startete, und es waren Gerichtsschreiber wie Arnold Funk und Scharfrichter, die die Verfolgungen aus unterschiedlichen Interessen vorangetrieben haben. Auch die Jesuiten in Münstereifel sollen in diesem Zusammenhang eine unterstützende Rolle gespielt haben.

„Es ging vor allem um eine Nutzung der Hexenverfolgung aus herrschaftspolitischen Gründen – auch in Schmidtheim“, so Rita Voltmer. Hier kam aus ihrer Sicht vieles zusammen, das zu einer unheilvollen Mischung wurde: Neid und Missgunst unter der Bevölkerung genauso wie auch der Hexenglaube. Voltmer: „Bertram von Beissel-Gymnich etwa zeigte sich von der Existenz des Hexereidelikts überzeugt, da es die Hexen ja angeblich auf seine Nachkommen abgesehen hatten.“ Und hinzu kam ein Vater-Sohn-Konflikt. „Bertram wollte seinem Vater Reinhard beweisen, dass er in der Lage war, seine eigenen Machtinteressen durchzusetzen“, so Bodo Bölkow.

Denn die Herrschaft der Beissels von Gymnich war unter der Bevölkerung Schmidtheims im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts nicht unumstritten. „Die Menschen waren zunehmend missmutig angesichts steigender Frondienstforderungen“, so Bölkow. Was aber gegen aufsässige Bauern tun? Die Gerichtsbarkeit nutzen, vermutlich auch mit Hilfe eines Spitzel- und Verleumdungsnetzes in der Bevölkerung.

Die Beschuldigungen waren vielfältig: Angeblicher Schadenzauber an Säuglingen und Kleinkindern, an Pferden und Kühen, der Vorwurf der Tierverwandlung – Frauen und Männer hätten sich mit Hilfe des Teufels in Werwölfe und Katzen verwandelt, Erstere hätten Pferde tot gebissen. Die öffentlichen Verbrennungen von Männern und Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden, dienten als drastisches Mittel der Abschreckung und Disziplinierung der Bevölkerung.

Das verfehlte seine Wirkung nicht. „Die Dorfgemeinde zeigte keinen Widerstand. Manche wie Schultheiß, Schöffen und der Gerichtsbote beteiligten sich auch an der Hexenjagd“, so Rita Voltmer. Sie und Bölkow sind der Ansicht, dass der Galgen damals an der Gemarkung „Am Gericht“, etwas außerhalb von Schmidtheim in Richtung B 51, gestanden haben könnte – wie auch in anderen Eifelorten. Der Name ist noch heute in alten Flurkarten zu finden.

Ein erschreckendes Ergebnis dieser Hexenjagd war, dass sich Schöffen, „Zeugen“ und Beschuldigte in derselben Familie fanden. „Bei circa 50 Haushalten wurde fast ein Drittel bis die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung innerhalb weniger Jahre hingerichtet“, so Rita Voltmer. Setze man die Hinrichtungen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, gehörten die Schmidtheimer Verfolgungen sicher zu den schlimmsten Hexenjagden in ganz Europa.

Für Bölkow ist angesichts der lesenswerten Veröffentlichung der Trierer Wissenschaftler das Thema für Schmidtheim erschöpfend behandelt. Eine dunkle Zeit in Schmidtheim vor mehr als 370 Jahren ist jetzt jedenfalls erhellt. Doch wie kann man das gesammelte Wissen nun einer breiteren Öffentlichkeit nahebringen? Ein kleiner Flyer, ein Themenpfad mit Hinweistafeln im Ort oder Unterrichtsmaterialien für Schulklassen wären Ideen.

Andere Orte

Nach vielen Jahren Forschungsarbeit steht auch fest: So schrecklich der „Hexenkrieg“ in Schmidtheim war – andernorts waren die Verfolgungen mindestens so heftig.

„Im Amt Nürburg wurden unter Amtmannschaft des Reinhard d. J. von Beissel-Gymnich in den Jahren 1609, 1614, 1615 rund 100 Menschen hingerichtet“, so Voltmer. Im Drachenfelser Ländchen waren es von 1630 bis 1645 über 70.

Auch im Herzogtum Arenberg, bei den Grafen von Manderscheid-Blankenheim und Gerolstein, in Schweinheim, Rheinbach, Müddersheim, Zülpich: In vielen großen wie kleinen Sprengeln agierte die „Hexenpolitik“ in der Eifel mit unterschiedlicher Intensität.

Die Verfolgung und Hinrichtung war zeitweise fast zum Alltagsgeschäft und einem Teil der allgemeinen Kriminaljustiz geworden. (sli)

Die Forschung

An der Universität Trier sieht man sich nicht am Ende der Forschungen zu den Hexenverfolgungen und der Kriminaljustiz in der Eifel. „Dissertationen stehen zu den Manderscheider Grafschaften an. Auch die Verfahren in Schmidtheim und Nürburg, die beteiligten Personen und ihre Beziehungen untereinander müssen noch gründlicher untersuchen werden“, so Voltier.



560 Seiten umfasst das Buch „Herren und Hexen in der Nordeifel – Darstellung – Edition – Vergleiche“, herausgegeben von Rita Voltmer. Erschienen ist es als 30. Band in der Reihe „Geschichte im Kreis Euskirchen“ des Kreis-Geschichtsvereins im Weilerswister Verlag Ralf Liebe. Das Buch mit Abbildungen kostet 20 Euro. ISBN: 978-3-944566-77-1