Friedhof Kall, ein grauer Oktobertag im Jahr 1982.
Zwei Gräberreihen sind von Scheinwerfern hell erleuchtet, Männer machen sich mit Schaufeln an die Arbeit, der Ort ist weiträumig abgesperrt.
Aber hier wird kein Eifel-Zombie-Film gedreht - "Die lebenden Toten von Kall" - Regie führt ein Sondereinsatzkommando der Kripo Koblenz.

Und die Beamten werden fündig: Tief unter der Erde, direkt neben einem Sarg vergraben, finden sie Plastiktüten, vollgestopft mit Banknoten im Wert von 850.000.- Mark. Das Geld stammt aus einem Banküberfall am 5. Oktober auf die Sparkasse am Koblenzer Schenkendorfplatz.

Dort ist eigentlich alles schiefgegangen, was schiefgehen kann, und wenige Tage später stirbt eine der Geisel an den Folgen seiner Schussverletzung, der erst 19jährige Bankangestellte Detlef Becker.
Ihm wird posthum das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

Pleiten, Pech und Pannen

Die beiden Bankräuber sind sich ihrer Sache sehr sicher. Der führende Kopf heißt Gerhard Benoit, und der weiß, wie der Hase läuft:
»Reine Vermögenstäter muß man fahren lassen, und es darf nicht zur Schießerei kommen, denn der Innenminister will seinen Job nicht verlieren.« Die Einsatztaktik bei Banküberfällen hat Benoit von 1973 bis 1978 als Polizeibeamter des Landes Nordrhein-Westfalen gelernt, bei einem Sonderlehrgang an der Landeskriminalschule in Düsseldorf hat er in- und ausländische Geiselnahmen analysiert.
Auch sein Komplize Ernst Schluschus, ein 36jähriger Tischler aus Bochum hat sich den Bank-Job ganz einfach vorgestellt: »Kurz vor der Mittagspause, zack, rein in die Bank, Geld schnappen, Angestellten einschließen und weg.«

Der Filialleiter alarmiert telefonisch die Polizei und die ruft prompt zurück, ob vielleicht ein Fehlalarm vorliegt. Jetzt weiß Benoit - der Abzug mit dem Geld wird schwierig, er braucht Geiseln. Das soll ein herbeigerufener Seelsorger machen, aber der bekommt es mit der Angst zu tun und kneift.
Auch der Polizeipsychologe agiert glücklos und unterschätzt die Entschlossenheit der Geiselgangster. Benoit lässt einen Arzt vor die Tür kommen - "man ist schließlich kein Unmensch" - und schießt Detlef Becker, einem Freiwilligen unter den Geiseln, aus zehn Zentimeter Abstand in die Kniekehle.
10 Tage später wird Becker an Thrombose und Lungen-Embolie sterben.

Vier Stunden nach Beginn des Überfalls steht das Geld (1,2 Millionen Mark) und der präparierte Fluchtwagen bereit. Benoit und Schluschus hängen mit zwei Geiseln im Schlepp alle Häscher ab, steigen mehrfach in andere Autos um und kapern einen Streifenwagen. Darin hören sie den Polizeifunk mit und tricksen Hubschrauber im Nebel aus.

Augen auf bei der Personalauswahl

Vom SEK-Beamten zum Geiselgangster - Gerhart Benoits´ Leben hat oft die Richtung gewechselt. Nach schwieriger Jugend im Saarland bricht er mit 16 Jahren in die Jagdhütte seines Onkels ein, der ihn auf frischer Tat ertappt. Der Junge drückt ab, der Onkel stirbt und Benoit erhält 6 Jahre Jugendhaft wegen Totschlags. Jahre später entscheidet er sich für eine Polizei-Karriere - und wird tatsächlich in die Reihen des Kölner SEK aufgenommen.
NRW-Innenminister Herbert Schnoor (SPD) sucht später in einer parlamentarischen Fragestunde des Düsseldorfer Landtags nach Erklärungen, wie es bei dieser Vorgeschichte zu einer Einstellung bei der Polizei überhaupt kommen konnte.

Dann der nächste Knick: Seine Frau verlässt ihn, das Geld reicht nicht mehr. Benoit überfällt einen Metro-Großmarkt - und flüchtet ausgerechnet mit einem Streifenwagen. Das finden seine Kollegen gar nicht lustig.

Den Höhepunkt seiner kriminellen Karriere erreicht er 1982 - der Banküberfall in Koblenz inklusiv Geiselnahme mit Todesfolge. Benoit landet für 25 Jahre in der Justizvollzugsanstalt „Erlenhof“ am nördlichen Stadtrand von Euskirchen.
Dort legt er sich einen Künstlernamen zu („Dan Siluan“) und startet seinen nächsten Lebensabschnitt als Ikonen-Maler. Wenn er seine Strafe abgesessen hat, will „Siluan“ zu den Mönchen auf der Athos-Halbinsel in Griechenland, zu der Frauen keinen Zutritt haben.
Bleibt zu hoffen, dass dort Bewerbungen und Lebensläufe genauer inspiziert werden als bei der Kölner Polizei.

Kein Glück mit den Männern

Aber wie kommt das Geld aus dem Koblenzer Banküberfall auf den Kaller Friedhof? Da muss doch eine Frau hinterstecken...
Die Frau heißt Helga M., lebt in Kall und ist in der Nachbarschaft als "dat Musch" bekannt. Sie ist in ihrer Jugend wohl das, was man einen "flotten Feger" nennt, und heiratet den Berufskraftfahrer Addi A. Eine Fehlentscheidung: Der Mann begeht 1965 Selbstmord und wird auf dem Kaller Friedhof bestattet.

Helga zieht von Kall nach Spanien, um Abstand zu gewinnen, und heiratet dort einen Pensionsbesitzer. Wohl auch die falsche Wahl, denn diese Ehe zerbricht.

Nach der Scheidung geht es zurück nach Deutschland; in Köln lernt sie den Polizeibeamten Gerhard Benoit kennen - zum dritten Mal der falsche Mann!

Benoit sucht für seine Beute ein unauffälliges "Zwischenlager", und Helga erinnert sich an das Grab ihres ersten Mannes: Zu irgendetwas wird er ja noch nütze sein...
Welch eine Ironie des Schicksals!
Addi A. hatte sich wohl aus Geldsorgen umgebracht, der Hausbau lief aus dem Ruder. Jetzt macht seine Witwe ihn zum reichsten Mann auf dem Friedhof, wenn auch nur für kurze Zeit.
Dieser Geistesblitz hat ihm wohl nicht mehr viel genutzt, ihr hingegen bringt er einen Haftbefehl wegen Begünstigung und Hehlerei ein.


*** Kall ***

dürfte sich im Wettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« nur geringe Chancen ausrechnen, zumindest was den Kernort angeht. Im Vergleich zu Monschau, Bad Münstereifel, Reifferscheid oder Kommern - um nur einige prominente Beispiele in der Nordeifel zu nennen - kann das Zentrum Kalls weder mit romantischen Fachwerk-Ensembles, noch mit Burganlagen aufwarten. Auch Top-Restaurants oder 4-Sterne-Hotels sucht man hier vergeblich, dafür gibt es das einzige McDonald´s weit und breit, viele Supermärkte und Discounter und eines der größten Möbelhäuser bundesweit.

Für Touristen deutlich interessanter sind die Außenorte der Gemeinde: Keine Discounter, aber diverse Hinterlassenschaften der Römer, darunter Reste der Wasserleitung nach Köln, Burganlagen in unterschiedlichem Erhaltungszustand und vor allem die "Eifelbasilika" in Steinfeld mit angeschlossenem Kloster, Hotel und Gymna­sium.

Lage ist nicht alles

Die - auf den ersten Blick - geringe touristische Strahlkraft verdankt Kall paradoxerweise seiner günstigen Verkehrslage: Der Ort war früher einmal so etwas wie der »Eisenbahn-Knotenpunkt« der Nordeifel mit der entsprechenden militärischen Bedeutung im ersten und Zweiten Weltkrieg. Das haben leider auch die alliierten Bomberflotten so gesehen und den Ort durch schwere Angriffe gegen Kriegsende beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Im »kalten Krieg« wurde auf Gemeindegebiet - und natürlich unter strikter Geheimhaltung - der atombombensichere Regierungsbunker der NRW-Landesregierung errichtet und später an eine Familie verkauft, die ihn als Dokumentationszentrum aufrechterhält und Führungen anbietet.

Sanfter Tourismus

Heute punktet Kall vor allem mit den Themen »Natur« und »Wandern«: Gelegen im Naturpark Nordeifel und angrenzend an den Nationalpark Eifel kreuzen das Gemeindegebiet eine Reihe von bekannten Wanderrouten, z.B. eine Etappe des »Eifelsteigs« (Aachen-Trier), der Römerkanal-Wanderweg (Nettersheim-Köln) und diverse andere Themen-Routen. Auch eine Vielzahl von Radwander- und Mountain-Bike-Strecken sind in Kall ausgewiesen, u.a. die Eifel-Höhen-Route und die Tälerroute.

Bewertung:   4,2/5  Tripadvisor

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